Kupferhof Weide
21.01.2026 | geschrieben von Christian Altena
Wer kennt alle Kupferhöfe Stolbergs, nach denen sich unsere Stadt als Kupferstadt bezeichnet? Unser Autor hat sie erstmals gezählt und wird alle 22 (teilweise) erhaltenen Kupferhöfe in dieser Reihe vorstellen. In Ober- und Unterstolberg verteilt liegen diese Messingproduktionsstätten des 16. bis 18. Jahrhunderts.
Wir beginnen mit dem Kupferhof Weide, wo gerade Wiederaufbaumaßnahmen stattfinden. Er ist einer von 22 (teilweise) erhaltenen Kupferhöfen, die ein immenses und unikales Kulturerbe der Kupferstadt Stolberg darstellen. Nicht durch Superlative, nicht weil es die ersten ihrer Art gewesen wären, nicht weil ihr Erhaltungszustand so atemberaubend ist (im Inneren hat praktisch nichts an Originalsubstanz überdauert), nicht weil ihre Architektur für das Barockzeitalter so üppig wäre, nicht weil hier der Ursprung des protoindustriellen Gewerbes gewesen wäre, nicht weil sie besondere Berühmtheit erlangten (leider noch nicht), sondern weil sich in ihnen eine besondere und einzigartige Geschichte der vorindustriellen Messingherstellung als fast ausschließlichem Wirtschaftszweig eines kleinen Fleckens manifestiert. Die Nähe zu Wasserläufen bewirkte 2021, dass etwa zwei Drittel durch das Hochwasser beschädigt wurden, wie an vielfachen Baustellen an den Baudenkmälern noch augenfällig wird.
1598 bewirkte die erste Reichsacht über Aachen den Zuzug von Kupfermeistern nach Stolberg, die zweite von 1614 ließ vermutlich Simon Lynen nach Stolberg kommen. Als unerwünschte Protestanten sollten sie die Reichsstadt verlassen. Für ihr Unternehmertum war es aber ein befeuernder Impuls. Zuvor betrieb Lynen schon einen Kupferhof in Eilendorf und gründete nun zusammen mit seiner Frau Johanna Schleicher 1615 den Hof Weide. Er befand sich in erlauchter Nachbar- und Verwandtschaft. Seine Gattin war Enkelin von Leonhard Schleicher, dem ersten in der Kupferstadt ansässigen Kupfermeister. Sein Nachbar Jeremias Hoesch auf dem 1611 von ihm erbauten Hof Krautlade einerseits, der Unterste Hof als Kupfermühle 1612 von Franz Östringer und Servas von der Weiden andererseits. Drei Manufakturgründungen innerhalb von vier Jahren, weitere kurz zuvor und danach im ganzen unteren Vichttal – man würde es heute Boom nennen, was sich in Stolberg abspielte.
Architektonisch wie wissenschaftlich lässt sich der Aufbau dieses großen Kupferhofes besonders gut nachvollziehen. Viel ist in der Kupfermeistergeschichte noch zu untersuchen und nur wenige Höfe sind so gut erforscht wie die Weide durch Kurt Schleicher. Der mittige Torturm wurde 1905 von Emil Schleicher umgestaltet, ebenso der Giebel rechts im Bild. Der Bauherr brachte am benachbarten Untersten Hof historisierenden Jugendstil zur Anwendung, beim Hof Weide sollte es die deutsche Renaissance sein. Die originale und einfache Architektur hatte solche Ornamentik nicht. Repräsentativ genug war im 17. Jahrhundert der Torturm an sich und die Breite der Fassade.
Im rechten Flügel des Torbaues waren Ställe, Remisen und Werkstätten untergebracht. Im linken u. a. das 'Comptoir', also Kontor bzw. Büro in heutiger Sprache, und ein Tiegellager. Bis 1866 wurde eine Messinggießerei mit acht Öfen im hinteren Bereich betrieben. Das Herrenhaus besaß Wohnstuben und einen repräsentativen Salon. Eine bauliche Besonderheit ergänzten die Besitzer von 1723: Theodor Peltzer, zeitweise auch Bürgermeister der Stolberger Gemeinde, und seine Frau Margarete Prym hatten den Hof übernommen. Der Torturm erhielt das große Barockfenster, das bis heute erhalten ist. Man hatte eine „Kupferkammer“, eigentlich wohl eher 'Showroom', wie man neudeutsch sagt, für Lagerung und Präsentation der Messingprodukte aus eigener Herstellung gegenüber des Herrenhauses angelegt. Das Allianzwappen über der Tür bewies, dass der kleine Bau keine funktionale Kammer minderer Bedeutung war. Subtil stellten die Kupfermeister zur Schau, dass ihr Gewerbe eines von Weltrang war.
Diese Serie wird die 21 weiteren Höfe und die historischen Hintergründe näher beleuchten.
Foto: (C. Altena)